Berna, 3569 Santa Fe, Argentinien


Ort, Provinz, Land

 

Gegründet

Anzahl Einwohner

Feste

 

Website

Berna, General Obligado, Santa Fe, Argentinien

Romang, San Javier, Sante Fe, Argentinien

11.11.1889 (Berna), 23.4.1873 (Romang)

979 (Berna), 9640 (Romang)

Fiesta Provincial Suiza am ersten Augustsonntag in Romang

Fiesta de la Palma y el Coco im Februar in Berna

www.turismosantafe.com.ar/romang

www.regionnet.com.ar


Liter Bier in der Brauerei Berna

km geteerte Strassen in Berna

Verkaufte Palmblätterkörbe pro Jahr

Ein falscher Romang – und viele echte Ramseyer

 

Berna, Argentinien, 29° 16’ 24” S, 59° 50’ 44” W

Auf einem dunkelbraunen Criollo-Pferd kommt er angeritten: der Gaucho mit dem buschigen grauen Schnauz im Gesicht, mit beigem Filzhut, weissen Pluderhosen und einem schwarzen Bauchgurt. Statt eines Sattels hat er Schaumstoff auf den Rücken des Pferdes gebunden. Der Junge mit Fussballshirt und Espadrilles, der ihn ebenfalls hoch zu Ross begleitet, sitzt auf einem Schaffell. Während der Teenager die Zügel beider Pferde hält, verschwindet der argentinische Cowboy in einem hellgelb getünchten Gebäude, vor dem sich ein kleines Grüppchen von Männern unterhält.

Der hellgelbe Bau steht in der ersten Kurve der Strasse, die von der Nationalstrasse, welche die nördliche Provinz Santa Fe durchpflügt, ins Dorf Berna abzweigt. Es ist das Postamt und zugleich der Dorftreffpunkt, die Nachrichtenbörse. Einzelne Bauern radeln im Zeitlupentempo vorbei. Ein altes Motorrad knattert ins Dorf hinein.

Eine Türe weiter in demselben Haus sitzt der Dorfpolizist in der Polizeistation. Und noch einen Eingang gibt es, denjenigen zum Museum von Berna. Wenn das Museo geschlossen ist, also praktisch immer, weiss der Beamte, wo er den Schlüssel holen kann. Der junge Mann in schwarzer Uniform, erfreut über den auswärtigen Besuch im Eintausend-Seelen-Dörfchen, eilt über die Strasse zur Nachbarin. Wenige Minuten später kommt er mit drei lächelnden mittelalterlichen Damen im Schlepptau zurück, die bei ihrem Mate-Tee Ritual unterbrochen wurden und deshalb mit einem Becher voller Yerba-Mate und einer Thermoskanne mit heissem Wasser anrauschen. Maria Luisa Ittig und ihre beiden Freundinnen begrüssen uns herzlich mit Umarmung und Küsschen, «benvenidos a Berna». Besuch aus der Schweiz? Welch höchst seltenes Ereignis in diesem Nest. Schnell klaubt Maria Luisa einen Schlüssel aus ihrer Tasche und öffnet die schwere Holztüre zum Museo. Am 11. November 2010 wurde der kleine Raum eingeweiht. An den Wänden hängen vergilbte Schwarzweissfotos, Landkarten, Hochzeitsurkunden mit Eselsohren. In Vitrinen verstauben Antiquitäten wie Schmuck, Werkzeuge, Haushaltwaren. Hier atmet man den modrigen Duft der Geschichte, betrachtet Memorabilia von schweizstämmigen Familien.  Alle Museumsgegenstände wurden von den Bewohnern geliehen oder geschenkt. «Es war unglaublich, was da alles in den verschiedenen Haushalten rund um Berna zutage gekommen ist», freut sich Maria Luisa Ittig.

Die übriggebliebenen Nachkommen der ersten Schweizer Siedler, die den Flecken Berna einst zu ihrer neuen Heimat erkoren haben, sind heute an einer Hand abzählbar:
Nebst Maria Luisa Ittig auch die Lehrerin Elsa Ittig.
Gerardo Abel, Landwirt.
Der pensionierte Händler Olivio Ramseyer.
Ruben Feuz, Bäckereiangestellter.
Oder Delmiro Toledo Hasler, Bauer.

Das Museo soll die Erinnerung an die Dorfgeschichte erhalten und das schrumpfende Nest beleben. «Cultura es vida», ist Maria Luisa Ittig überzeugt. Immer wieder füllen die Primarlehrerin und ihre Freundinnen den mitgebrachten Becher mit Mate und heissem Wasser auf. Jede der Frauen nimmt aus der silbernen Bombilla, das Trinkröhrchen und Teesieb zugleich ist, einen Schluck. So macht der Mate-Becher jeweils mit neuem Aufguss die Runde, während wir den Museumswänden entlang in die Vergangenheit eintauchen.

 

Das «rote Gold» und eine trockene Brauerei

Luftlinie Distanz zwischen
Bern, Schweiz und Berna, Argentinien:

Kilometer


Dr. Roberto Alemann

 

Im Jahr 1889, offiziell am 11. November, wurde Berna von Hans Liechti gegründet. Zehn Jahre zuvor, im Jahr 1879, war der damals 45-Jährige nach Argentinien ausgewandert. Nachdem seine Mühle in der Region Herzogenbuchsee (oder gemäss anderer Quelle: Tramelan) im Kanton Bern abgebrannt war, hatte er der Schweiz den Rücken gekehrt.

Juan – wie er sich nach seiner Ankunft in Agentinien nennt – Liechti kommt zuerst nach Buenos Aires, wo seine Töchter als Büglerinnen arbeiten. Zusammen mit befreundeten Schweizern, darunter Johann Alemann, Nicolas Habegger und Dominguin Reutemann, zieht er bald darauf in den Norden Argentiniens. In der Provinz Santa Fe suchen sie ihr Glück. Ihre erste Station ist das Dorf Espìn, das aber von Indios überfallen und abgebrannt wird. So ziehen sie weiter in die Schweizer Kolonie Romang, am Fluss San Javier, dreissig Kilometer östlich des heutigen Berna. Liechti betreibt in der Siedlung einen Laden.

Als er hört, dass eine Eisenbahnstrecke durch die Provinz Santa Fe gebaut wird, kauft Liechti ein grosses Stück Land im heutigen Berna. Er will mit der Eisenbahn Geschäfte machen.

In der Pampa rund um Berna wachsen die Quebracho-Bäume. Diese nennt man wegen ihrer rotbraunen Farbe auch das «rote Gold». Die Quebracho-Bäume sind äusserst hart und gerbstoffreich, man kann ihnen Tannin entziehen. Liechti baut in Berna ein Sägewerk auf, er beliefert die Eisenbahngesellschaft mit Schwellen für den Geleise-Unterbau und fabriziert Holzstücke, die statt Pflastersteinen als Strassenbelag dienen.

Die Gemeinde Berna umfasst hundertfünfzig Hektaren. Liechti spendet Grundstücke für die Hauptplaza sowie die Kirche, den Friedhof und die Schule. Mit Liechti zusammen ziehen auch einige Schweizer Familien nach Berna. Ein guter Freund, der ihn immer wieder in Berna besucht, ist Johann Alemann, ursprünglich aus dem bernischen Jegenstorf. Als Juans Tochter Berta Liechti den Sohn von Johann Alemann, Teodoro heiratet, wird die Freundschaft auch zur Verwandtschaft. Der Journalist Johann Alemann, fortan Juan Alemann genannt, soll in Santa Fe eine deutsprachige Zeitung für die Schweizer Kolonisten herausgeben. So gründet er zusammen mit seinem Sohn Moritz im Jahre 1878 zuerst das «Argentinische Wo- chenblatt». Daraus entsteht 1889 das «Argentinische Tageblatt», das Juan auch zusammen mit seinen anderen Söhnen Theodor (Teodoro) und Ernst (Ernesto) produziert. Das «Argentinische Tageblatt» er- scheint noch heute in Buenos Aires – allerdings im Wochenrhythmus – und wird von den Urenkeln von Juan Alemann, Dr. Roberto und Dr. Juan Alemann, herausgegeben.

Juan Liechti macht in Berna gute Geschäfte mit seinem Sägewerk. Sein grosser Traum ist es jedoch, eine Brauerei zu betreiben. Mit der Eisenbahn, die 1893, vier Jahre nach der Gründung, nach Berna kommen wird, soll der Biertransport in andere Landesteile gesichert sein. Liechti beginnt mit dem Bau der «Cerveceria». Unter dem einstöckigen Backsteingebäude hebt er ein Kellergeschoss aus. Nebst Heuschreckenplagen sind zu jener Zeit Überfälle von Indios häufig, und das Untergeschoss bietet guten Schutz vor den Attacken.

Damit er Maschinen für das Bierbrauen kaufen kann, borgt sich Liechti Kapital. Er schickt seinen Geschäftspartner, einen Deutschen namens Schmidt oder Smit, mit dem Geld los, um die Maschinen zu besorgen. Nur taucht dieser Schmidt ab, und das Geld ist verloren. Da das Kapital geliehen ist, muss Liechti zeit seines Lebens Schulden zurückzahlen. Am Tag der letzten Ratenzahlung, im Jahr 1916, stirbt Juan Liechti, ohne jemals ein einziges Bier in Berna gebraut zu haben.

Die Cerveceria steht noch. Strategisch gut gelegen vis-à-vis vom ehemaligen Bahnhofhäuschen, das heute als Wohnhaus dient. Zugemauert, vergittert und mit Holzlatten verbarrikadiert sind die Rundbögen der Fenster und Eingänge der ehemaligen Brauerei, überwachsen und mit Graffiti besprayt bröselt die Backsteinfestung.

 

Miauende Frösche und grüne Papageien


Berna wiederzubeleben oder zumindest nicht untergehen zu lassen, dafür kämpft heute Maria Luisa Ittig. Nebst dem Museo hat sie in einem ehemaligen Hühnerstall auch eine Bibliothek gegründet. Sie hat den alten Stall mit Hilfe von Freunden restauriert, alte Schulbänke angemalt. Um die Leute für das Lesen und die Bücher zu begeis- tern, wurde eine junge Frau auf einem Fahrrad losgeschickt, welche Bücher verteilt hat. Wer ein Buch auslieh, musste es danach selbst in die Bibliothek zurückbringen – und Mitglied werden. Ideen hätte Maria Luisa genügend. Natürlich fehlt es an Geld. Aber den Traum vom eigenen kleinen «Hospedaje», einem kleinen Gasthaus, den wird Maria Luisa weiterverfolgen. Damit auch wieder Besucher nach Berna kommen können. «Cultura es vida», betont die resolute Frau.

 


Aus ihrer Kultur haben die frühen Schweizer Einwanderer den Weizen, das Chorsingen und das Schiessen nach Argentinien mitgebracht. Der «Tiro Federal» von Berna, der Schiessstand, wurde im August 1908 von Juan Liechti eingeweiht. Heute hat sich im Innerndes halb verfallenen Baus eine Indio-Familie eingerichtet. Besucher sind unerwünscht.

Abgesehen von der einzigen geteerten Strasse, die beim hell- gelben Postamt eine Kurve zur Hauptplaza macht, wird Berna nur von Staubpisten durchzogen. Aus dem hohen Gras daneben hört man Frösche. Es ist kein Quaken, vielmehr hört es sich an wie das laute Miauen einer jungen Katze. Grüne Papageien haben auf den Telefonmasten ihre Nester gebaut.

Am Ende einer dieser Staubstrassen, in einem schiefen Häuschen aus gebrannten Backsteinen, wohnen Maria «la artesana» Benitez und ihr Mann José Franco. José bäckt im Holzofen Brot – «das beste weit und breit», so die Bewohner — und liefert es per Velo aus. Maria flicht Körbe oder Sombreros aus Palmenblättern und verkauft diese auf dem Markt in der Stadt Reconquista.

Die Palmen, sie sind Bernas wenig einträglicher Schatz. Wie ein seltsames Spiel der Natur mutet er an, dieser Palmengürtel, der von Osten her immer näher an Berna herangekrochen ist und das Dorf weitläufig umzingelt. Hoch und schlank sind die Palmen, wie vereinzelte Stecknadeln, die in eine grüne Landkarte gesteckt wurden. Auf der nördlichen Seite stehen sie stramm wie Soldaten auf dem subtropischen Campo mit Grasland, Sojafeldern und gemähten Sonnenblumenfeldern. Südlich von Berna paradiert eine ganze saftiggrüne Armee, wachsen ein Palmenwald und dazwischen Akazien und einzelne Quebracho-Bäume, die ihre dichte Krone wie einen Sonnenschirm spannen.

Der karge Boden ermöglicht nur wenig Ackerbau und etwas Viehzucht, und das ist sicher auch ein Grund, weshalb sich Berna nie zu einer prosperierenden Ortschaft entwickelt hat.

Ganz im Gegensatz zur Schweizer Kolonie Romang, wo Juan Liechti gelebte hatte, bevor er Berna gründete.

Maria und José Franco Benitez

 

 

 

Ein Schweizer mit falscher Identität


Dreissig Kilometer weiter östlich liegt die Ortschaft Romang. An der Einfahrt in den Ort werden in der «Cooperativa Agricola» Mais, Soja, Weizen, Hafen, Sorghum, Sonnenblumen und Baumwolle gesammelt. Das Getreide wird unter Zusatz von Proteinen auch zu Tierfutter verarbeitet, die Sonnenblumen weitertransportiert und anderswo zu Öl gepresst. Die Baumwolle wurde früher von Hand gepflückt, heute geht das maschinell. Dafür stehen in der Kooperative noch die altersschwachen Baumwollverarbeitungsmaschinen, antiquiert und behäbig langsam, aber dafür liefern sie sehr gute Qualität.


Etwas weiter faucht und donnert die Metallgiesserei. Aus rezykliertem Metall stellt sie Auto- und Traktorteile her, beliefert ganz Argentinien mit Dolendeckeln. Daneben sammelt die Honigfabrik «Promiel» Bienenhonig von Eukalyptus, Zitronenbäumen und Luzerne aus dem ganzen Departamento San Javier. Fünftausend Tonnen pro Jahr werden in Fässern exportiert.


Im Zentrum von Romang thront der Turnverein, «Sociedad Suiza de Gimnasia», gebaut im Jahre 1903. An der Fassade prangt ein Wappen mit vier «F» – für «firme» (fest), «fuerte» (stark), «fiel» (treu), «franco» (aufrichtig). Drinnen, vor einer riesigen Wand mit Pokalen, die in der Vitrine verstauben, spielen alte Herren mit runden braungebrannten Gesichtern und Adlernasen ein Kartenspiel. Ihre Sperberaugen sind auf die Karten in ihrer Hand gerichtet. Die Señores Arnold, Kaufmann, Ramseyer, Locarelli und Orvieto spielen eine Abwandlung von Jass, drei gegen zwei. Herzen, Karos, Könige landen auf dem grünen Jassteppich, Punkte werden auf die Kreidetafel gekritzelt.

In der Turnhalle dahinter üben Jungen und Mädchen in weissen Gewändern Taekwondo vor einem Wandgelände mit Schweizer Schneebergen. Darauf ist eine aus Holz gezimmerte Chalet-Miniatur – das Überbleibsel einer Schweizer Festwagenprozession – angebracht.


Carmen Ramseyer (stehend) mit Sandra Passarini, Romang Gemeinde-Presidentin

 

Im Turnverein treffen wir auch Carmen Ramseyer, die sich spontan als Touristenführerin anbietet. Die pensionierte Lehrerin führt uns durch den Ortskern.

Vorbei an Jenni Eichenbergers Apotheke.
Auf der Strasse radelt Gaspar Stirnimann mit dem Velo vorüber.
Bruno Ramseyer amtet als Ingenieur in der «Cooperativa».
Jorge Holzer arbeitet als Metallarbeiter
Robby Dreher betreibt als Chef sein Restaurant «Agua da Boca».
Und Margarita Wittwer, die alte Dame mit dem wachen Gesicht, hat lange als Krankenschwester in Gstaad gearbeitet und begrüsst mit perfektem «Grüezi, wie geits?».

Carmen führt uns auf die begrünte Plaza zur Büste von Teofilo Romang aus dem Emmental, der den Ort 1873 gegründet hat. Oder vielmehr war es Peter Wingeyer, der sich als Teofilo Romang ausgab.

Die Geschichte der Identität von Teofilo Romang ist verworren: Dr. Romang erreichte 1860 per Schiff Montevideo, Uruguay. Er liess sich zuerst in der Schweizer Kolonie «Esperanza» in Argentinien nieder, wo er sich als Bauer und als praktizierender Arzt betätigte. Später zog er weiter nördlich an den River San Javier, rund sieben- hundertfünfzig Kilometer von Buenos Aires entfernt. Hier erwarb er 1873 Ländereien für die Gründung von Romang.

Ob Teofilo Romang ein Namensfälscher ist, ist nicht eindeutig überliefert. Vermutet wird, dass es sich in Wahrheit um Peter Wingeyer handelt, 1828 in Trubschachen geboren. Dort hatte er Mitte des 19. Jahrhunderts eine Uhrenwerkstatt betrieben. Er galt als ehr- barer Handwerker, dem die Behörden Mündelgelder anvertrauen. Als er mit seinem Betrieb in Turbulenzen geriet, behalf er sich aus der ihm anvertrauten Kasse. Um einer Verhaftung zu entkommen, packte er bei Nacht und Nebel seine Sachen und flüchtete nach Argentinien. Auf der Überfahrt, die damals Wochen dauerte, lernte er einen Arzt aus Bern kennen. Nach dessen unerwartetem Tod gelang es ihm, die Reisedokumente mitsamt dem Namen des Verstorbenen zu kaufen. Auf dem neuen Kontinent nannte er sich fortan Teofilo Romang. Da Wingeyer aber seine Schulden nachträglich zurück- zahlte, anerkannte die Schweizer Regierung am 21. Juli 1905, dass die Nachkommen den Nachnamen Romang weiter verwenden dürften. Teofilo Romang alias Peter Wingeyer starb im Jahr 1898.

Zu den ersten Einwohnern von Romang gehörte auch Carmens Urgrossvater, Hans Ramseyer, der die Schwester von Teofilo Romang, Elisabeth Wingeyer heiratete. Ihr Sohn, Cristian Ramseyer, Carmens Grossvater, war es, der die Entwicklung der Schweizer Kolonie vorantrieb.


Bereits neun Jahre nach der Gründung, im Jahr 1822, zählt der erste Zensus in Romang:

Einwohner

Bauernhöfe

Dampfdreschmaschine

Mühle

Lastkarren

Pflüge

Maulbeerbäume

Weinreben

Lastochsen

Milchkühe

Weiderinder

 

 

 

Mate an der Playa, schwimmen mit Piranhas


Cristian Ramseyer eröffnet in Romang das erste Gasthaus und etabliert den ersten Hafen am Fluss, der eigentlich nur eine Bootsrampe ist. 1922 installiert er ein Telefonnetz zwischen den Geschäften. Er baut ein mit Diesel betriebenes Kraftwerk. Am 24. Dezember 1927, 34 Jahre nachdem auf Buenos Aires’ Strassen die Lichter angehen, erstrahlt zum ersten Mal die Strassenbeleuchtung in Romang. Der Strom stammt aus Ramseyers Fabrik. Jede Nacht um 22 Uhr unterbricht er kurz den Strom. Für die Bewohner heisst das: In einer halben Stunde werden die Lichter gelöscht.

Heute wird die Gemeinde Romang, erstmals seit hundertvierzig Jahren, von einer Frau präsidiert. Sandra Passarini begrüsst uns mit zwei Küsschen. Hinter ihrem Schreibtisch hängen Urkunden der Gemeinde Trubschachen, der Heimatgemeinde von Peter Wingeyer alias Teofilo Romang. Gleich daneben flattert die neu gestaltete Fahne von Romang in Rot, Grün und Weiss. Die Farben symbolisieren die Vergangenheit, die Natur und den Weg der Hoffnung. Sandras politische Prioritäten: Kultur, Jugend und die Mülldeponie. Die stinkende Abfallhalde unter freiem Himmel muss dringend vom offenen Feld in eine überdachte Deponie gezügelt werden.

Am Wochenende trifft man die Gemeindepräsidentin – wie so viele Familien – an der Playa. Einen richtigen Sandstrand hat Ro- mang. Und zum Baden einen grünbraunen Fluss, den Rio San Javier, einen trägen Seitenarm des grossen Rio Paranà. Drei Sonnen- schirme aus Stroh sind in den Sand gesteckt. Doch die Romanger klappen ihre Campingstühle lieber unter den Jacaranda-Bäumen dahinter auf, gleich neben ihren parkierten Autos. Sie sitzen und schauen, trinken Mate-Tee und tippen ab und zu eine Textnachricht in ihr Mobiltelefon. Kinder planschen im Fluss. Ein Gummiboot dreht sich im Kreis vor einer sattgrünen Kulisse, einem Labyrinth aus Wasser und Inselchen mit Schilf, baumhohem Bambus und Gras. In der Badesaison im Sommer wird in den Flüssen ein Piranhanetz gespannt. Dass die Saison bereits vorbei ist und das Netz abgebaut wurde, hält niemanden vom Baden ab.

«Um den Fluss beneiden uns die Leute von Berna», erzählt Alberto Ramseyer, ein junger Musiklehrer. Und gibt es denn etwas in Berna, worauf ihr neidisch seid? «Nun, sie haben die schöneren Mädchen.»


Da die Lehrer in Romang zurzeit im Streik sind und für mehr Lohn kämpfen, hat Alberto den Tag frei und will uns zusammen mit Carmen nach Berna begleiten. Zu einem Verwandten, zu Olivio Ramseyer, einem Cousin von Carmens Vater.

Für die kurze Autofahrt hat Carmen den Mate-Becher mitgebracht. Auf dem Rücksitz schwappt sie jeweils einen Gutsch heisses Wasser aus der Thermoskanne in den Becher, streut etwas Zucker über den Tee. Der Mate wird im Auto von Hand zu Hand weitergereicht. Das Gebräu schmeckt wie Heu und wie Holz, zuerst bitter, mit der Menge des zugegebenen Zuckers wird er bei jeder Runde immer süsser, putscht auf, bis das Herz rast. «Ich bekomme Kopfweh, wenn ich nicht genug Matein bekomme», lacht Carmen. Sie schiebt eine CD in die Musikanlage im Auto. Es ist das Kinderlied «s’Ramseiers wei go grase», aber von einem Verwandten ins Spanische adaptiert:

RAMSEYER HANS a esta tierra llegó,
con su tesón y su capacidad,
RAMSEYER HANS, aquí llegó,
y para siempre quedó.

Fidirí, fiderí, fiderá la la la (bis)
RAMSEYER HANS aquí llego,
y para siempre quedó.

Su siembra fue una simiente de amor,
una simiente que fructificó,
en hijos que con fe dejó,
RAMSEYER sobrevivió.

Fiderí, fiderí, fiderá, la la la (bis)
en hijos que con fe dejó,
RAMSEYER sobrevivó.

Los años transcurrieron sin cesar,
RAMSEYER, para siempre ha de quedar,
prendido a estas tierras de Paz,
por los años que vendrán.

Su descendencia es muy grande ya,
se extiende hacia la inmensidad,
y todos lo recordarán
por siempre al Vater HANS.

Fiderí, fiderí fiderá la la la (bis)
y todos lo recordarán,
por siempre al Vater Hans.

Ramseyer Hans e estra tierra llegó

by Ramseyers von Santa Fe, Argentinien | © Ramseyers 2014

Der Familienzweig der Ramseyers hat sich in Argentinien ausgebreitet. In Berna lebt der achtzigjährige Olivio Ramseyer mit seiner Frau Teresa. Als Händler hat er früher sein Geld verdient, hat Eier von den Bauern in der Umgebung aufgekauft und diese per Zug nach Buenos Aires verfrachtet.


Olivio und Teresa Ramseyer

 

Im Jahre 1893 hatte die Eisenbahnstrecke Berna erreicht, so wie Juan Liechti es vorausgesagt hatte. Im selben Jahr, in dem der erste Zug eingefahren war, verstarb bei einem Besuch in Berna Liechtis Freund Juan Alemann.

Die Zugverbindung war für die Berner eine wichtige Lebensader. Als die Eisenbahn den Franzosen gehörte, funktioniert die Strecke gut. Olivio Ramseyer erinnert sich, wie er früher für hundertfünfzig Kisten Eier jeweils am Morgen einen eigenen Waggon mieten konnte. Als die Argentinier den Unterhalt übernahmen, hätte er zwei Monate im voraus bestellen sollen. Bis 1992 fuhr der Zug durch Berna. Mit dem Ende der Bahnverbindung begann auch der Zerfall des Ortes.


Auf dem ehemaligen Bahntrassee hat sich die Natur ihren Platz zurückerobert. Die Schienen sind vom Gras überwuchert. Drei rostige Skelette von Eisenbahnwaggons sind im Campo beerdigt, schöne stolze Palmen wachsen aus dem Rostgerüst des Waggons heraus.

Am Horizont hinter Berna brennt die untergehende Sonne wie Feuer. Der Glutball bewegt sich zwischen den Stämmen des Palmenwaldes, taucht die unendliche flache Pampa in Gold.

Auch auf dem Esstisch von Olivio Ramseyer steht ein Wald: einer aus bunten, selbstgebastelten Holzbäumchen. Es sind Ramseyer-Familienbäume, je nach Verwandschaftszweig farbig unterteilt. Denn bald steht ein Ramseyer-Familientreffen an. Dann wird Carmen ihre CD mit dem Ramseyer-Kinderlied abspielen. Dann werden über zweihundert Ramseyers aus Argentinien und Paraguay dem Ort Berna für einen kurzen Moment viel «vida» und «cultura» einhauchen.

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